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Presse

Zwischen Tagträumen und dem "Funktionierenmüssen"
“Die Welt” vom 23.1.2010

 Von Denise Carstensen 23. Januar 2010

Der Maler und Grafiker Jochem Roman Schneider

."Auch wenn meine Bilder in der ganzen Welt herumschwirren - ich bin ein Kieler Künstler!", sagt Jochem Roman Schneider, verdeckt seinen Mund leicht mit der Hand und lacht dabei ein wenig verlegen. Der 58jährige repräsentiert als Radierer und Grafiker die Kunstwelt einer ganzen Stadt und könnte aufgrund seiner Vita hohe Töne schlagen, doch er tut es nicht. Im Herzen ist er ein bodenständiger Mensch, der sich in den heimischen Gefilden wohl fühlt.
Jochem Roman
Der gebürtige Bochumer kam 1972 zum Studieren nach Kiel und besuchte bis 1977 die Muthesius Kunsthochschule in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins. Hier begann seine Karriere, die sich heute wie eine Formvorlage für Studenten Bildender Kunst liest: Bereits in seinem dritten Semester verkaufte er sein erstes Bild, direkt nach dem Abschluss - summa cum laude - eröffneter er seine eigene Ausstellung. Er arbeitet als freier Künstler und Galerist und kann bis heute mehr als 300 eigene Ausstellungen vorweisen.

Früh war ihm klar, dass er nur mit bildender Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen wollte. Und mit dem Berufswunsch fand er sich auch mit den finanziell implizierten Engpässen ab. "Ich wollte die Kunst nicht als Zweitberuf haben, sondern als meinen Lebensmittelpunkt", erklärt er und verweist damit auf die geringe Zahl der freien Künstler, die allein von ihrer Leidenschaft leben können. Im Studium und danach hat sich diese Energie im wahrsten Sinne ausgezahlt. Als er als Galerist Bilder von Emil Schuhmacher ausgestellt hat, lernte er den deutschen Künstler sehr gut kennen und bezeichnet ihn heute als Freund und Vorbild. Es folgen bis 1985 siebzig weitere Ausstellungen (unter anderem von Andy Warhol) und eigene Präsentationen seiner Porträts, Landschaftsbilder oder maritimen Impressionen auf Kupferplatte oder Holz. 2000 verkaufte Schneider seine Bildrechte an den Pharmakonzern Orgentec, der seine Exponate in über 80 Ländern zeigen. Bis dato war er zwar in und über Kiel hinaus durch seine Einzelausstellung "Maritim-ART" (1999) bekannt, doch erst 2002 wurde ihm offiziell das Prädikat "Kieler Künstler" verliehen: Für das "Volvo Ocean Race", eine internationale Segelregatta mit Ziel in Kiel, malte er Kieler Hafenmotive auf sechs Kupferplatten.

Bereits in seiner Jugend begann seine Leidenschaft für unkonventionelle Farb- und Formkombinationen; die wilden Plattencovern von Yes oder Genesis in den 1970 Jahren, die bizarren Werke Salvador Dalís und speziell die Kupferstiche Albrecht Dürers regten seine Fantasie an. Über Experimentieren mit diversen Techniken gelang Schneider zu der Radierung, in der seine individuelle Ausdrucksmöglichkeit gefunden hat, all diese mannigfaltigen Kunstmerkmale zu paaren. Seinen Stil ist realistisch, zum Teil surreal und immer eine Note exzentrisch - sein Markenzeichen.

Neben den Segler- und Meer-Motiven, zeichnet er hauptsächlich Gesichter, "weil sich in ihnen alle Gefühle zeigen" erklärt er. In seiner Fähigkeit, die Gesichter genau zu betrachten und auf dem schwierigen Untergrund der Druckplatte mit Strichen wiederzugeben, spiegelt sich sein Sinn für das Kleine. Schneider beobachtet. Er beobachtet das Verhalten der Menschen im Alltag, wenn sie zum Beispiel gerade an der Bushaltestelle stehen und man an ihren Gesichtszügen erkennt, dass sie nachdenken. Es sind die Sorgen des Fremden, welche sich in den Stirnfalten zeigen, die er einfängt.

Auch er selbst kennt Sorgen; Sorgen, die sich durch das ständig krisenbehaftete Geschäft, in dem er arbeitet, ergeben. Doch "ich habe mich an die Krisengefühle gewöhnt", meint er und philosophiert über den Ruf des Berufs eines Künstlers: "Alle denken, Künstler zu sein bedeutet immer Geld, Party, Frauen und Ansehen, doch das ist nur selten der Fall." Mit diesem Beruf ginge man eine lebenslange Bindung ein, die genauso von Eigenmotivation, Nöten und Langeweile geprägt sei - man müsse das nur akzeptieren. "Das Gute ist, als Künstler kann man diese Stimmungen sofort kreativ umsetzen." Wenn er einen schlechten Tag hat, dann gibt er sich seinen Tagträumen hin, die für ihn einen Gegenpol zum "Funktionierenmüssen" darstellen und sowohl Impulsgeber als auch Flucht sind. Seine Liebe für Traumwelten und Wortspielereien kulminieren in der Kunst, aber auch in den Titeln seiner Bücher, die er "Tagträume" (1985), "Panoramaritimes Kiel" (2001) und "Sei Träumer ~ bleib Realist" (2004) genannt hat. Seine Bilder sind immer eine Reproduktion seiner Innenwelt. Neben den Gesichtern, die meistens auf erotische Weise Frauen, aber auch Persönlichkeiten wie Albert Einstein porträtieren, fängt Schneider auch Landschaftseindrücke ein, in denen man sich aufgrund der Farb- und Motiv-Verknüpfungen verlieren kann. Es sind die Kompositionen, die aus dem Affekt kommen und an denen man die Gefühlswelten des Künstlers erahnt, die seine Werke so tiefgründig machen.

Wenn er einmal Abwechslung braucht, dann findet er diese im Schreiben. In seinem ersten Roman "Starker Tobak", lässt er seinen Blick in parodistischer Manier über die High-Society-Welt gleiten.

 

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